Pfiffilotta Club
Julias anderer Tag

Gleich beim Aufstehen kam Julia der Gedanke, dass heute einmal ein anderer Tag sein sollte. Nicht so einer wie gestern und vorgestern und vorvorgestern.

Sie machte alles anders. Statt sich zu waschen, duschte sie. Zum Frühstück aß sie Haferflocken mit Zucker und Milch, nicht Marmeladebrot wie sonst. Sie räumte den Frühstückstisch ab und bat ihre Mutter, ihr das Haar zu zwei Schwänzchen zu binden. Sonst räumte die Mutter den Tisch ab, und Julia kämmte sich allein. An anderen Tagen ging sie immer auf der rechten Straßenseite zur Schule, heute auf der linken. Sie holte nicht Gabi ab, sondern Helga.

Gestern und Vorgestern und am Tag zuvor war Julia in der Schule ziemlich still gewesen. Sie wusste viele Dinge nicht, und deshalb meldete sie sich selten. Aber heute war ein anderer Tag.

Gleich zu Beginn der Rechenstunde sagte sie zu ihrem Lehrer: "Ich habe die letzten Aufgaben nicht verstanden. Könnten Sie sie mir bitte noch mal erklären?"

In Deutsch sagte sie ein Gedicht auf, obwohl sie Angst hatte stecken zu bleiben. Statt sich zu schämen wie sonst, sagte sie: "Jetzt weiß ich nicht mehr weiter. Helfen Sie mir?" Die Lehrerin half ihr. In der Pause aß Julia eine Breze statt einem Apfel.

Am Nachmittag übte Julia auf Helgas Einrad fahren. Gestern hatte sie zuviel Angst gehabt, herunter zu fallen. Heute fiel sie. Ihr Knie blutete, und statt die Tränen zurückzuhalten, weinte Julia richtig. Ihre Mutter tröstete sie und gab ihr einen Kuss - das hatte sie gestern und vorgestern und am Tag zuvor nicht getan.

Sie schaute nicht die Kinderstunde im Fernsehen an, sondern wollte den Krimi sehen. Deshalb gab es Streit mit ihrem Vater. Zum Schluss sagte Julia nicht, wie sonst meistens: "Ich sehe es ein." Sie sagte: "Ich sehe gar nicht ei, warum ich den Krimi nicht sehen darf. Das ist bloß, weil du erwachsen bist und alles bestimmen kannst."

Ihr Vater schaute sie erstaunt an und sagte: "Nanu, Julia!"

Ihre Mutter sagte: "Wir sprechen morgen noch mal darüber, was Julia anschauen darf und was nicht. Einverstanden?"

Als Julia ihren Eltern gute Nacht sagte, gab sie ihnen die Hand. Das tat sie schon lange nicht mehr.

Noch viele andere Dinge hatte sie an diesem Tag anders getan. Es war ein aufregender Tag.

Verfasserin: Irmela Brender aus dem Buch "Mut tut gut"

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